Projekte

Forschungsprojekt "Allgemeine Fachdidaktik"

in Kooperation mit Horst Bayrhuber (Kiel), Volker Frederking (Erlangen-Nürnberg), Werner Jank (Frankfurt a.M.), Martin Rothgangel (Wien) & Helmut Johannes Vollmer (Hamburg) sowie der Gesellschaft für Fachdidaktik (GFD)

 

Die Ausgangslage des Forschungsprojekts 

Bereits in den 1990er Jahren wurde die Notwendigkeit einer Stärkung der akademischen Fachdidaktiken erkannt und die Zusammenarbeit seither entsprechend intensiviert – mit dem Ziel einer besseren Vernetzung im Interesse der Forschung, aber auch der bildungspolitischen Durchsetzungskraft. Erfolgreiche Maßnahmen zur Etablierung der Fachdidaktiken als forschende Disziplinen sind nicht zuletzt das Verdienst des Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften (IPN): Der Biologiedidaktiker Horst Bayrhuber regte als dessen Direktor zunächst eine "Konferenz der Vorsitzenden der Fachdidaktischen Fachgesellschaften" (KVFF) an, vor allem für die Verfolgung berufspolitischer Zielsetzungen (gemeinsame Belange aller Fachdidaktiken in Forschung, Lehre und Hochschulpolitik sowie in hochschulischer Selbstverwaltung). Aus dieser KVFF entstand 2001 die Gesellschaft für Fachdidaktik (GFD) als fester institutioneller Rahmen zur Verfolgung gemeinsamer Interessen und wissenschaftlicher Belange. Die GFD deckt mittlerweile ein breites Spektrum an forschungs- und hochschulpolitischen Aktivitäten ab (halbjährliche Mitgliederversammlungen und Fachtagungen im Zweijahresrhythmus mit jeweils aktuellen oder grundsätzlichen Themen).

Dennoch – oder gerade durch diese intensivierte Zusammenarbeit – zeigte sich immer wieder die Notwendigkeit, nun auch theoretisch genauer zu bestimmen, worin denn der gemeinsame Kern aller Fachdidaktiken liegt und welche Unterschiede im Einzelnen bestehen: Zu erarbeiten war und ist eine überzeugende theoretische Begründung für das Gemeinsame aller Fachdidaktiken, in deren Zentrum ein Konzept fachlicher Bildung als Kerngeschäft von Fachdidaktik verankert ist.

 

Intention und Vorgehen

2009 konstituierte sich im Rahmen einer GFD-Mitgliederversammlung eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe, die sich die Erarbeitung eines solchen Konzepts zum Ziel setzte. Sie bestand aus Vertretern der Biologiedidaktik (Horst Bayrhuber), der Deutschdidaktik (Ulf Abraham, Volker Frederking) der Englischdidaktik (Helmut Johannes Vollmer), der Musikpädagogik (Werner Jank) und der Religionspädagogik (Martin Rothgangel). Diese Gruppe erwies sich als genügend interdisziplinär und zugleich klein genug, um eine fächerübergreifende Sicht auf den Bildungsauftrag schulischer Fächer und damit einen entsprechenden Lehr- und Forschungsauftrag der ihnen zugeordneten Fachdidaktiken beschreiben zu können. Gleichwohl bedurfte es, bis tragende Begriffe eines Konzeptes fachlicher Bildung gefunden und geklärt waren, einer zeitintensiven Grundsatzdiskussion. Exemplarisch wurden die in der Arbeitsgruppe repräsentierten Fachdidaktiken in ihrem Selbstverständnis, ihren fachlichen Inhalten und an diesen zu gewinnenden Kompetenzen jeweils so beschrieben, dass aus den Beschreibungen nach den Grundsätzen der grounded theory Kategorien zu gewinnen waren, an Hand derer eine „Allgemeine Fachdidaktik“ in Umrissen erkennbar wurde. Die Mitglieder der Arbeitsgruppe  verstehen sie als Metatheorie der Fachdidaktiken.

 

Ergebnisse

In der ersten, 2017 erschienenen Publikation der Arbeitsgruppe werden Umrisse einer allgemeinen Theorie der Fachdidaktiken entwickelt. Dazu wird das Verhältnis von Fachlichkeit, fachbezogener Bildungstheorie und empirischer wie theoretischer fachdidaktischer Forschung im Hinblick auf fachliches Lernen innerhalb und außerhalb der Schule systematisch reflektiert. Zunächst wird die Entwicklung der Fachdidaktiken und ihr besonderer Status im Spannungsfeld von ›Bildungswissenschaften‹ und ›Fachwissenschaften‹ skizziert. Dann geht es um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Fachdidaktiken mit Blick auf das Lernen im Fach und vor allem über das Fach hinaus. Schließlich werden konstitutive Bausteine einer Theorie der Allgemeinen Fachdidaktik entwickelt, auf deren Basis erste Konturen einer Theorie fachlicher Bildung in Auseinandersetzung mit dem Bildungsdiskurs vom Mittelalter bis zur Gegenwart ins Blickfeld rückt. Der Band schließt mit einer Zusammenfassung und einem Ausblick auf weitere Forschungsperspektiven.

Ein zweiter Band ist hervorgegangen aus einer Tagung an der Universität Wien (Juni 2017, Gastgeber: Prof. Dr. Martin Rothgangel, Institut für Religionspädagogik der Evangelisch-Theologischen Fakultät). Dort wurde die Arbeitsgruppe um Vertreter/innen weiterer Fachdidaktiken ergänzt und der Stand der Entwicklung einer „Allgemeinen Fachdidaktik“ auf einer entsprechend verbreiterten Basis diskutiert. Die resultierenden Darstellungen von 17 Fachdidaktiken wurden dann ergänzt um weitere grundsätzliche Überlegungen (vgl. Bayrhuber/ Abraham/ Frederking/ Jank/ Rothgangel/ Vollmer: Lernen im Fach und über das Fach hinaus, Münster 2020; 2. Aufl. 2021).

 

Weitere Publikationen von Ulf Abraham mit Projektbezug

  • mit Volker Frederking: 'Fachliches Lehrerwissen' und 'fachdidaktisches Wissen' aus der Sicht der Allgemeinen Fachdidaktik. In: Schmidt, Frederike/ Schindler, Kirsten (Hrsg.): Wissen und Überzeugungen von Deutschlehrkräften. Aktuelle Befunde in der deutschdidaktischen Professionsforschung. Berlin: Peter Lang 2020, 29-45.
  • mit Horst Bayrhuber, Volker Frederking, Werner Jank, Martin Rothgangel & Helmut Johannes Vollmer: Fachlichkeit im Horizont der Allgemeinen Fachdidaktik. In: Mertens, Matthias/ Rabenstein, Kerstin/ Bräu, Karin/ Fetzer, Marei/ Gresch, Helge /Hardy, Ilonca/ Schelle Carla (Hrsg.): Konstruktionen von Fachlichkeit. Ansätze, Erträge und Diskussionen in der empirischen Unterrichtsforschung. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2018, 42-54.

 

 

 

Entwicklungsprojekt "Literarisches Schreiben im Deutschunterricht" (LSiD)

in Kooperation mit dem Literaturhaus Stuttgart, dem Literaturhaus Rostock und dem Literarischen Zentrum Göttingen sowie der Fernuniversität Hagen

Das Projekt

In Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus Stuttgart und seinen Dozent*innen hat der Lehrstuhl Abraham (Universität Bamberg) seit 2011 ein wegweisendes Weiterbildungs­programm für Deutsch­lehrer*innen aller Schularten der Sekundarstufen erarbeitet. Die Entwicklung ging von der These aus, dass eigene Expertise im Bereich einer kulturellen Praxis den Lehren­den zu mehr Sicherheit verhilft und den Kompetenzerwerb der Lernenden unterstützt. Im Dialog mit Dozent*innen des Literaturhauses, die sie sich auf verschiedene Gattungen und Genres spezialisiert haben, wurde ein auf Lehrer*innen abgestimmtes Werkstatt-Konzept entwickelt. Die Werkstätten wurden ergänzt durch fachdidaktische Seminare und eine öffentliche Gesprächs­reihe, die Autor/innen mit literatur- oder sprachwissenschaftlich sowie lese- oder oder schreib­didaktisch ausgewiesenen Hochschullehrer*innen zusammenbrachte und die dialogisch organisiert und moderiert wurde.

Zur Projektplanung und -umsetzung insgesamt vgl. das von Uwe Ebbinghaus mit Erwin Krottenthaler für die FAZ  geführte Interview vom September 2021.

Die Zielsetzung

Es geht in Zusammenhang mit einer Reflexion der eigenen Berufs­rolle um den Erwerb von Lehrkompetenz im Bereich des Schreibens sowohl literarischer als journalistischer Texte und um einen performativen Umgang mit selbst verfassten Texten. Diese Zielsetzung legt es nahe, sich nicht an der Form herkömm­licher Einzelfortbildungen zu orientieren, deren Nachhaltigkeit in Frage steht, sondern einen Zeitraum von 24 Monaten bzw. zwei Schuljahren vorzusehen. Innerhalb dieses Zeitraums tragen verschiedene Elemente (Schreibtage, Seminar- bzw. Transfertage/ -wochenenden, Gesprächsreihe, Unter­richtsprojekte im 2. Jahr) zum Gelingen der Weiterbildung bei, die im Sinn einer Begleit­forschung evaluiert wird. Es ist das Ziel des Programms, die teilnehmenden Deutschlehrer*innen die kulturelle Praxis Literatur als reflexive Praxis verstehen, betreiben und schließlich vermitteln zu lehren. Im Einzelnen betrifft das neben einer eigenen Gestaltungskompetenz in einer der zur Wahl stehenden Gattungen die Urteilskompetenz in Bezug auf eigene und fremde Texte sowie die Fähigkeit der argumentativen Äußerung und Gesprächsführung über Text- oder Medien­produkte, die in der Literatur- und Mediendidaktik traditionell „Anschlusskommunikation“ heißt.

Das von der Robert-Bosch-Stiftung insgesamt sechs Jahre lang geförderte Programm mit Modellcharakter wurde nach einem ersten Durchgang (2011-13) auf der Basis einer positiven Evaluation zwei Mal um zwei Jahre (2013-15 und 15-17) verlängert. Seit dem Auslauf der Förderung durch die Robert-Bosch-Stiftung mit Ende des Schuljahres 2016/17 wird das Angebot vom Land Baden-Württemberg getragen.

 

Die didaktische Fundierung

Das Projekt ist an Schnittstellen zwischen Literatur- und Schreibdidaktik, Literatur-/Medien­wissenschaft und professionswissenschaftlicher Forschung angesiedelt. Lehrer*innen des Faches Deutsch als Lernende zu begreifen, ist eine radikalere Forderung, als es scheint. Die Vermittlung von Wissen (hier: über Literatur und Medien), traditionell Aufgabe einer Universität, ist nicht mehr ausreichend, wenn auch in Bezug auf (die 3. Phase der) Lehrerbildung kompetenzorientiert gedacht und gehandelt wird. In herkömmlichen Fortbildungsveranstaltungen wurde „Methodenkompetenz“ lange Zeit vielfach noch zu instruktionsbasiert weitergegeben: Während eine Theorie kompetenzorientierten Unterrichts heute von „Anforderungs­situationen“ spricht, in denen sich beweisen muss, was an Kompe­tenz bereits erworben oder aktuell erwerbbar ist, traf und trifft man hier noch auf instruktionsbasierte Lern­formen.

Gebraucht wird für literarisches Schreiben nicht so sehr deklaratives literarsches Wissen als prozedurales Wissen über Autor*innen, Genres, Formen und Verfahren, daneben aber auch didaktische Expertise in Bezug auf diese, Sokche Expertise wiederum gewinnt man nicht nur aus der Aufklärung über literatur- und medientheoretische und jeweils auch -didaktische Kon­zepte. Notwendig ist zunächst eigene Erfahrung mit Verfahren und Techniken, die dann auch Schüler*innen beherrschen lernen könnten. Die Gestaltung von Texten und Medien kann in Klassenzimmern nur überzeugend anleiten, wer auf eigene Gestaltungs­erfahrung damit zu­rück­greifen kann. Es geht hier nicht nur um eine kognitive Ebene, sondern um Erfolgserlebnisse und ein dadurch gestärktes Selbstwertgefühl als Lehrkraft (vgl. Ulf Abraham/ Ina Brendel-Perpina: Literarisches Schreiben im Deutschunterricht. Produktionsorientierte Literaturpädagogik in der Aus- und Weiterbildung. Seelze: Klett/Kallmeyer 2015).

Neuere Erkenntnisse der Lernforschung gehen in diese Konzeption ebenso ein wie die Kom­petenzorientierung im Bereich der Lehrerbildung (vgl. die Lehrerbildungsstandards der KMK von 2009). Gerade der Deutschunterricht und insbesondere der Literaturunterricht mit Herausforderungen wie ästhetischem Empfinden, Lesefreude, Imaginationsfähigkeit und Fremdverstehen zeigt zwar die Grenzen der Standardisierung und der Überprüfbarkeit von Leistungen deutlich auf. Aber auch ein „weiches Lernfeld“ wie das literarische Lernen kann sich den aktuellen Entwicklungen nicht grundsätzlich entziehen und muss den Blick auf das angestrebte Können und seine Voraussetzungen richten. Eine zentrale Zielsetzung des Projekts ist, neben der literarischen Rezeptions- nun auch die Produktionskompetenz zu etablieren, und zwar sowohl im Fachdiskurs der Deutschdidaktik als in der Unterrichtspraxis.

Die Nachhaltigkeit der Weiterbildung können wir an Hand einer Befragung der Teilnehmer*innen der 1. Staffel (2011-13) 2015/16 bedingt einschätzen. Näheres hier (122.4 KB).

Modellbildend wirkte das Literaturhausprojekt LSiD, insofern im Herbst 2018 an den Literaturhäusern Göttingen und Rostock, jeweils in Kooperation mit der Deutschdidaktik (Prof. Dr. Christoph Bräuer,  Göttingen bzw. Prof. Dr. Tilman von Brand, Rostock) der örtlichen Universität, gleichartige Programme an den Start gegangen sind. Auch sie werden von der Robert-Bosch-Stiftung gefördert (wie vorher in Stuttgart mit dem Ziel ihrer Verstetigung nach dem Auslaufen der Förderung). Die Koordination sowohl der Programmplanung als der Begleitforschung an den nunmehr drei LSiD-Standorten soll sicherstellen, dass das jeweils an die örtlichen Gegebenheiten adaptierte Konzept im Kern erhalten bleibt, aber auch eine Weiterentwicklung erfährt.

Seit 2018 ist die weitere Programmentwicklung an den drei Standorten Stuttgart, Göttingen und Rostock Gegenstand einer Begleitforschung, die von Prof. Dr. Julia Schütz (Fernuniversität Hagen) geleitet wird.

 

Weitere Publikationen von Ulf Abraham mit Projektbezug

  • Literarisches Schreiben. Didaktische Grundlagen für den Unterricht. Ditzingen: Reclam 2021.
  • Literarisches Wissen materialgestützt erarbeiten. Wissensbasiertes Verstehen und Gestalten von Literatur im Deutschunterricht. Hannover: Klett/Kallmeyer 2021, bes. 244-271.
  • Bewertung bei handlungs- und produktionsorientierten Schreibaufgaben und beim literarischen Schreiben. In: Kämper-van den Boogaart, Michael/ Spinner, Kaspar H. (Hrsg.): Deutschunterricht in Theorie und Praxis 11 (Lese- und Literaturunterricht), Bd. 3; 3., stark überarbeitete Auflage 2019, 93-119.
  • mit Judith Angerbauer: Filmisches Schreiben - Drehbuchentwürfe für einen Kurzfilm. In: Hippe, Lorenz/ Richhardt, Thomas (Hrsg.): Szenen machen. Szenisches Schreiben in der Literatur- und Theaterpädagogik. Dokumentation. Stuttgart: lpz /Robert-Bosch-Stiftung 2018, 43-45.
  • Ist literarisches Schreiben „Produktionsorientierung“? Schreiben im Literatur- und Literatur im Schreibunterricht: spannende Verhältnisse. In: Wrobel, Dieter/  von Brand, Tilman/ Engelns, Markus (Hrsg.): Gestaltungsraum Deutschunterricht. Literatur - Sprache - Kultur. Baltmannsweiler: Schneider 2017, 77-84.
  • Szenisches Schreiben. In: Praxis Deutsch 260 (2016), 4-11.
  • mit Ina Brendel-Perpina: LehrerInnen lernen schreiben. Ergebnisse des Weiterbildungsprogramms "Literarisches Schreiben im Deutschunterricht". In: Zimmermann, Holger/ Peyer, Ann (Hrsg.): Wissen und Normen - Facetten professioneller Kompetenz von Deutschlehrkräften. Frankfurt/M.: Peter Lang 2016, 127-148.

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