Vorträge

Vorträge von Ulf Abraham

Leben als Möglichkeit in der Literatur, und Literatur als Möglichkeit im Leben

Abschiedsvorlesung

Otto-Friedrich-Universität Bamberg, 6. Februar 2020

Aller Anfang ist schwer, sagt der Volksmund. – Nicht wirklich, würde ich rückblickend sagen. Der Satz „Ich bin neu hier“ wirkt ja meist als Türöffner. Nun aber bin ich alt hier, und aller Abschied ist schwer. Manche Leute können ihn gar nicht, aber alle müssen wir ihn lernen. In Kazuo Ishiguros The Remains of the Day (Was vom Tage übrig blieb - Nobelpreis 2017) sitzt ein alternder Butler, der kleine Held dieses großen Romans, am Ende des Tages, der sein in Diensten anderer verbrachtes Leben war, auf einer Bank und philosophiert darüber, dass doch der Abend die schönste Tageszeit sei. Und der Leser fragt sich, woran es liegt, dass er diesem Ich-Erzähler nicht mehr glauben mag. Und ob the remains of the day nicht einfach das Unerledigte sind.

Als junger Lehrer habe ich wiederholt zugesehen, wie Kollegen „in den wohlverdienten Ruhestand“ verabschiedet wurden. Nicht fehlen durfte der Hinweis auf mindestens ein Hobby, dem fortan zu frönen wäre. Anscheinend verlangt das die Textsorte. Textsorten gibt es, weil man sich darauf geeinigt hat, was sagbar ist und wie das Sagen geschehen soll. Auch für das eigentlich Unsagbare gibt es Textsorten. So eine ist die Abschiedsvorlesung.

–  Man kann sie pathetisch angehen: Das ist ja nun ein Lebenseinschnitt …

–  banal: Ich bedanke mich bei allen für alles ....

–  emotional: Ihr werdet mir ein wenig fehlen …

oder statistisch: Ich habe nun in 62 Semestern etwa 1000 Sprechstunden abgehalten, mindestens 3000 Examensklausuren bewertet, usw.

Aber genug davon. Denn dieser Vorlesung, darin geht es ihr genau wie mir selber, ist ihre Zeit zugemessen, und sie hat noch etwas vor:

 

Teil I: Leben als Möglichkeit in der Literatur

Im ersten Teil, nennen wir ihn den akademischen, möchte ich auf ein literarisches Phänomen zu sprechen kommen, das mich in letzter Zeit beschäftigt. Der Titel, den ich gewählt habe, erklärt sich dabei, wollen wir hoffen, beinahe von selbst. Das Phänomen, von dem ich spreche, hat im aktuellen literaturwissenschaftlichen Diskurs einstweilen nur eine englische Bezeichnung: alternate history. Im Modus der alternate history zu erzählen, bedeutet von einem Punkt in der Geschichte auszugehen, an dem eine folgenschwere Entscheidung anders hätte fallen können, und von dort aus zu entwickeln, was dann geworden wäre. Viele einschlägige literarischen Werke entstammen der englischsprachigen Literatur; da fallen Namen wie Aldous Huxley, Philip Roth oder Philip K. Dick (vgl. Singles 2013). Deutschsprachige Texte sind die Ausnahme; mehrfach habe ich aber Christian Krachts Roman Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten (2008) erwähnt gefunden (vgl. z.B. Cornils 2012): Was wäre heute, wenn Lenin nicht nach Russland gegangen, sondern im Schweizer Exil geblieben wäre? Die Oktoberrevolution hätte wohl nicht stattgefunden, stattdessen gäbe es aber die SSR (Schweizer Sowjet Republik), die einen noch immer andauernden Krieg gegen die faschistischen Nationen Deutschland und England führt.

Ein anderer Autor hat sich gefragt, welche Geschichte über Deutschland und Europa in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zu erzählen wäre, wenn der junge Hitler an der Malschule der Wiener Akademie angenommen statt (zwei Mal) abgelehnt worden wäre. Manche treiben das Gedankenspiel noch weiter (es heißt dann „possible worlds theory“, vgl. Surkamp Hrsg. 2008) und gehen davon aus, dass eine nicht eingetretene Geschichtsversion neben der eingetretenen in einer parallelen Welt existiert. (Hitler wird als „Piranesi des 20. Jahrhunderts“ reich und berühmt, indem er in kolossalen Formaten erfundene Monumentalarchitektur malt; Albert Speer kommt in dieser Geschichtsversion nicht vor.)

Die didaktischen Möglichkeiten, die im alternate history-Modus stecken, liegen auf der Hand: Von der großen Geschichts- bis zur kleinen Alltagserzählung, ja sogar bis zur eigenen Biografie lässt sich das Leben auf seine unrealisierten Möglichkeiten hin untersuchen, und zwar sowohl rezeptiv (Texte dieser Art gibt es zu lesen) als produktiv (man könnte welche schreiben). Was wäre gewesen, wenn ich im Sommer 1988 nicht in der ZEIT gelesen hätte, dass man an der Universität Bamberg, in die ich noch nie einen Fuß gesetzt hatte, einen Akad. Rat a.Z. suche? Wer weiß, wo Sie alle jetzt gerade wären, in diesem Hörsaal jedenfalls nicht. – Ich sehe, Sie haben es verstanden, das nächstliegende Beispiel ist meistens das beste. Und es gibt noch weitere Parallelwelten. In einer werde ich gerade jetzt am Celtis-Gymnasium in Schweinfurt in den Ruhestand verabschiedet, den wohlverdienten selbstverständlich, in einer anderen an der Universität Würzburg, in einer dritten an der Freien Universität Berlin – was mir Gelegenheit gibt zu sagen, dass ich mit der Parallelwelt, in der wir uns zufällig gerade aufhalten, sehr zufrieden gewesen bin.

Darum also geht es: Das Leben nicht als die eine Wirklichkeit, sondern als eine zufällig realisierte oder sich realisierende Möglichkeit, und damit die Rolle der Kontingenz im Leben, in unser aller Leben, ist ein Motiv, das die Literatur hundertfach variiert hat. Wie ja überhaupt die Literatur, mit einem didaktischen Gemeinplatz gesagt, ein Raum für Probehandeln ist und stets verschiedene Möglichkeiten zu erkunden erlaubt, die der Held oder die Heldin hat, ja die Menschen immer haben. Gäbe es nicht Optionen, zwischen denen zu entscheiden wäre, es gäbe keine Pläne im Leben und keine Ziele, keine Verantwortung, ja noch nicht einmal Erfolg und Scheitern könnte es geben.

Alternate history, sagte ich, könne man lesen und schreiben. Für beides ist Überlegung und Recherche notwendig, und das kann ja so verkehrt nicht sein, solange Schule überhaupt noch auf Reflexion und Wissenserwerb ausgelegt ist. Fachdidaktisch gesprochen, profitiert davon nicht nur das historische, sondern auch das „literarische Verstehen“ ebenso wie das „literarische Schreiben“. Die letzte Behauptung kann ich belegen. Dazu imstande bin ich vielleicht nur in dieser Parallelwelt; in hundert anderen hätte nämlich nicht eines Tages im Jahr 2010 einer in meiner Bürotür gestanden, der sagte, er heiße Krottenthaler, komme vom Literaturhaus Stuttgart, und er brauche einen Fachdidaktiker für eine Idee: Dies hier ist vermutlich die einzige Parallelwelt, in der ich den unglaublichen Erwin kenne, und außerdem so faszinierende Menschen wie Ulrike Wörner, Yves Noir, José Oliver, Thomas Richhardt, Tilman Rau oder Timo Brunke. Für die ist Literatur (oder eine andere der angrenzenden Künste) nicht irgendeine Möglichkeit im Leben, sondern diejenige, die sie realisiert haben. Und mit ihnen zusammen arbeite ich (natürlich nur in dieser Parallelwelt, aber ich würde auch da keine andere vorziehen) daran, dass Literatur eine Möglichkeit im Leben von Deutschlehrer*innen wird, die sie ernstnehmen. Denn wie gesagt, man kann sie lesen und schreiben.

Diejenigen unter Ihnen, für die Literatur allenfalls eine unverbindliche Möglichkeit ist und nicht die zur dominanten Wirklichkeit gewordene, werden sich jetzt vielleicht fragen, was an dem banalen Satz „Man kann sie lesen und schreiben“ so bahnbrechend sein soll. Obwohl ich mir vorgenommen habe, keine Abschiedsvorlesung über die Zukunft meines Faches zu halten – ich bin ja doch eher seine Vergangenheit –, kann ich mir nun nicht verkneifen zu sagen: Dieser Satz ist fachdidaktisch keineswegs banal, er hat es in sich. In einer Zeit, da die Deutschdidaktik unaufhaltsam zur empirischen Wissenschaft wird, sind Daten alles; Erfahrung, gleich ob pädagogische oder literarische Erfahrung, zählt nicht mehr so viel. Für mich war Didaktik immer nur zur Hälfte Wissenschaft, und Kunst zur anderen Hälfte. (Inzwischen müssen die, die Unterricht beforschen, ihn selbst gar nicht mehr ‚können‘.) Für meine Vorträge und Publikationen war immer handlungsleitend, dass sie Lehrer*innen helfen und Wege weisen sollten, und zwar zeitnah und nicht erst irgendwann viel später. Nun erleidet mein Fach dasselbe Schicksal wie andere Disziplinen vor ihm: Der Fortschritt der Wissenschaft gebiert Spezialistentum. Als Generalist komme ich gerade aus der Mode. („Ich bin alt hier.“) Nicht nur leiste ich mir den Luxus mich für viele Bereiche meines Faches zu interessieren, was ja nicht mehr üblich ist, sondern ich halte daran fest, dass es in meinem Fach um Konzepte der Gestaltung von Unterricht geht und nicht nur um dessen Beforschung, bzw. diejenige der Lernenden und Lehrenden.

Die augenblickliche Herausforderung sehe ich darin, meine Petrifizierung zu einem Säulenheiligen der Deutschdidaktik hinauszuschieben. In deren Museumskatalog wird sonst wohl bald über mich zu lesen sein, dieser hier stehe für eine bessere Verknüpfung von Lese- und Schreibunterricht und eine Orientierung des Unterrichts an den Feldern kultureller Praxis Literatur einschließlich ihrer Medien. Auch habe er sich für eine wichtige deutschdidaktische Zeitschrift eingesetzt (derzeit gemeinsam mit Andrea Schulz, Astrid Müller, Dieter Wrobel und Tilman von Brand, die heute hier sind, sowie Doris Tophinke, Helmuth Feilke und Clemens Kammler, die nicht hier sein können) und dafür, der literarischen Produktions- neben der Rezeptionskompetenz zu ihrem Recht zu verhelfen, d.h. Deutsch ähnlich wie Kunst und Musik als ein Fach auch ästhetischen Tuns zu etablieren. (Ich freue mich, auch die Kunstpädagogen Hubert Sowa und Alexander Glas begrüßen zu dürfen.) Und schließlich habe er sich zehn Jahre lang an der Suche nach den Grundlagen einer Allgemeinen Fachdidaktik beteiligt (gemeinsam mit Johannes Vollmer und Martin Rothgangel, die heute dabei sind, sowie Horst Bayrhuber, Volker Frederking und Werner Jank, die nicht hier sein können).

Nun will ich aber noch nicht ins Museum. In einer Didaktik des Films für den Deutschunterricht ist zwar inzwischen vieles erreicht, was mir vor 30 Jahren noch utopisch vorkam (ich begrüße meine Weggefährten Matthis Kepser und Klaus Maiwald!). Aber im literarischen Schreiben stehen wir immer noch beinahe am Anfang, obwohl wir in Stuttgart seit nunmehr achteinhalb Jahren zeigen, wie es gehen könnte (woran meine ehemalige Mitarbeiterin Ina Brendel-Perpina in den Anfangsjahren großen Anteil hatte), und unser dortiges Fortbildungs­programm längst Modellcharakter angenommen hat. Mit einem Bilderbuchtitel von Friedrich Karl Waechter (1973, das Jahr meiner Reifeprüfung) gesagt: „Wir können noch viel zusammen machen“. Im Übrigen weiß man ja, wie schnell Säulenheilige, scheinbar für die Ewigkeit aufgestellt, dann wieder ausgemustert werden, weil irgendwer anderer das Gewölbe genauso gut hält. Oder weil man es sowieso niederreißen möchte.

Denn um auf die Textsorte zurückzukommen, die wir jetzt gleich verlassen werden: Gerne werden, bevor der Betroffene selber letztmalig das Sagen hat, Verdienste und Leistungen aufgezählt: Publikationen, Tagungen, Ehrungen, usw. Dabei verlangt dann die Textsorte so zu tun, als sei das alles etwas ganz Besonderes gewesen. Unter uns gesagt: Ich finde das etwa so überzeugend, wie wenn ein Busfahrer stolz auf all die Stationen wäre, an denen er immer gehalten hat. Solche Stationen gehören einfach dazu, ein Wissenschaftlerleben besteht ja aus ihnen. Sehr selten dagegen wird bei solchen Gelegenheiten danach gefragt, was der oder die zu Verabschiedende nicht getan hat, während er dies alles hinter sich gebracht hat. Was man alles nicht getan, erreicht oder versucht hat, das ist eine Frage, die mich interessiert. Es ist eine alternate-history-Frage.

Leider aber haben wir es hier nicht mit einer besonders toleranten Textsorte zu tun. Für eine Antwort auf diese Frage werden wir deshalb jetzt besser aussteigen aus dem Bus, in dem wir alle sitzen (vorne über der Windschutzscheibe steht SONDERFAHRT: Akademischer Verabschiedungsdienst). Wir lassen den Busfahrer wegfahren (er wird zweifellos auch weiterhin an den vorgesehenen Stationen halten) und gehen –

ja, wohin? Wir haben den akademischen Teil der Abschiedsvorlesung verlassen und sind doch noch nicht fertig, nicht reif für Speis und Trank? Wo sind wir hier? Die Haltestelle wirkt ausgesprochen provisorisch, jemand hat einen alten Pappdeckel krakelig mit dem Haltestellen-H bemalt und an einen Baum genagelt. Einige Wege gehen ab, aber eine Beschilderung gibt es noch nicht. Vorsicht, wo Sie hintreten, denn die Landschaft ist noch gar nicht fertig. Die Hobbies angehender Ruheständler sind ja ein schon erwähnter Topos der Textsorte, der in meinem Fall darauf hinausliefe, mir zum Abschied Acrylfarben zu schenken. Hobby klingt nach Zeitvertreib, so, als müssten sich gerade alte Leute (und zu denen gehöre ich ja ab sofort) die Zeit noch eigens vertreiben. Aber gerade die können sich das eigentlich nicht leisten, sie haben ja nicht mehr so viel davon. Und die mich kennen, wissen sowieso, dass alles, was ich anfange, immer irgendwie in Arbeit ausartet. – Die Landschaft hat also noch weiße Flecken und unvermutete Löcher, aber einige Wege sind abgesteckt, und dort drüben sehen wir tatsächlich ein Gebäude. Es steht auf einer Anhöhe, so dass wir Grund haben zu glauben, man könnte seine Aussichten verbessern, indem man es ersteigt …

 

Teil II: Literatur als Möglichkeit im Leben. Eine Geschichte

„Wie finden Sie die Aussicht?“

Ich kann gar nicht antworten. Was ich sehe, sieht der Innerschweiz zum Verwechseln ähnlich. Und die hat ja immer etwas Grandioses. Im sechsten Stockwerk eines Monumentalbaus über einem Berggipfel in einem Plüschsessel zu sitzen und nicht etwa ins Tal hinunterzuschauen, sondern in ein Meer von Tälern, das hat schon etwas.

Man muss allerdings die Tatsache ignorieren, dass das Eckzimmer, in dem wir sitzen, einen erkerartigen Anbau hat, der durch tiefe Risse gezeichnet ist und aussieht, als würde er demnächst ein Loch in der Außenwand hinterlassen.

Die alte Dame, der ich gegenübersitze, folgt meinem Blick und lächelt.

„Das Gebäude wurde 1875 als Grand Hotel errichtet, ohne dass man viel Erfah­rung damit gehabt hätte, welchen Belastungen ein Steinbau in 1800 Metern Höhe ausgesetzt ist. In den Wintermonaten beträgt der Temperaturunterschied zwischen der Sonnenseite, auf die wir jetzt hinausschauen, und der Schattenseite nicht selten 30 Grad. Kein Gebäude kann das auf die Dauer aushalten, es wird allmählich auseinander­gesprengt. Binnen Kurzem sind die ersten Risse aufgetreten. Nach achtzig Jahren blieb nur noch übrig, die oberen drei Stockwerke abzutragen, um wenigstens den Rest zu retten.“

„Wir sind hier im sechsten, Frau …?“, werfe ich ein.

Sie nickt sachlich. „Nennen Sie mich Gertrude.“

Gertrude heißt heute niemand mehr. Wer weiß, wie lange die schon hier ist. Bei Licht besehen, wirkt sie ziemlich altmodisch. Über dieser Betrachtung verpasse ich beinahe ihre Antwort: „Es wird Ihnen aufgefallen sein, dass der eigentliche Publikumsverkehr nur bis zur dritten Etage geht.“

„Da habe ich niemanden gesehen, nur unten in der Lobby war Betrieb. Ein wohlgenährter Herr mit Pudel und Gepäck hätte mich fast umgerannt.“

„Ach ja, wo Sie es sagen, das ist wichtig: Er konnte nichts dafür. Die Hotel­gäste sehen uns nicht. Wir sollten ihnen aus dem Weg gehen.“

Ich schlucke. „Was passiert bei einer Kollision?“

„Die kann es nicht wirklich geben. Es fühlt sich allerdings entschieden ungut an, in den von einer lebenden Person beanspruchten Raum einzudringen. Ich weiß nicht, ob die Lebenden auch etwas spüren, aber unsereinem kann ich das nicht empfehlen. Das gilt besonders für den Speisesaal, den wir uns mit ihnen teilen.“

Ich denke an den dicken Herrn und nicke. Einen Augenblick sinniere ich darüber, was wir denn in einem Speisesaal sollen, in unserem Zustand, aber ich entscheide mich dagegen dieses Thema weiterzuführen. „Wir sitzen ja sicher nicht hier, um die Geschichte dieses Hauses zu erörtern,“ sage ich stattdessen höflich.

„Da haben Sie Recht.“ Sie räuspert sich, rückt Unterlagen vor sich auf dem aus­ladenden Eichenschreibtisch zurecht, der wahrscheinlich aus der Erstmöb­lierung von 1875 stammt, und wechselt den Ton. Was sie jetzt sagt, klingt we­ni­ger nach Kon­versation, aber damit eben auch deutlich weniger nach Widerrede. „Ich heiße Sie hiermit willkommen im Heim für verstorbene Schriftsteller. Zunächst --- “

Nun muss ich trotzdem widersprechen. Ihr ins Wort fallend, sage ich: „Das muss ein Missverständnis sein. Ich bin eigentlich kein Schriftsteller.“

Sie schüttelt missbilligend den Kopf.

„Bin kein Schriftsteller gewesen.“

Das Kopfschütteln geht weiter.

„Werde kein Schriftsteller gewesen sein“, korrigiere ich erneut, in wachsender Gereiztheit.

Jetzt sieht sie mich irritiert an und angelt sich die Lesebrille, die an einem Goldkett­chen auf ihrem Busen schaukelt, auf die Nase. Dann greift sie nach einem Papp­ordner, der vor ihr liegt, und blättert darin. „Ich kann kein Missverständnis er­ken­nen“, sagt sie dann brüsk, lässt die Seiten des Dossiers wie ein Daumenkino ablaufen und stoppt dann irgendwo.

Der Apfel zu Füßen des Birnbaums oder Das verwechselte Leben? Ist das nicht von Ihnen?

„Nein“, sage ich schroff. „Nie gehört. Falls man Dergleichen überhaupt schreiben kann, soll das jemand anderer tun.“

„Und das hier: Amerika gibt es nicht. Eine alternative Geschichte der Welt?

Ich räuspere mich. „Na ja, etwas Derartiges habe ich …“ Ja, das wollte ich tatsächlich, ich meine, da gibt es einen Plan, aber wie soll ich das, also ich gebe auf und schüttle nur den Kopf.

„Seltsam“, murmelt sie und lässt das Kino mit dem Daumen weiterlaufen. Langsamer. „Nach meinen Unterlagen waren Sie seit 2005 freiberuflicher Autor und haben fünf Romane veröffentlicht, zuletzt Drucke zu Sterbzeiten. Außerdem Dreizehn Gedichte die nicht gehen.“

„Nee“, sage ich schnell.

Über die Ränder ihrer Goldbrille hinweg mustert sie mich mit gerunzelter Stirn. „Wirklich nicht?“

Dieser Titel kommt mir irgendwie bekannt vor, aber ich bleibe bei meiner Version. Wo kommen wir hin, wenn sich jeder ständig neu erfindet. „Ich habe,“ sage ich tapfer, „im Leben sehr wenig Literarisches publiziert, für Sachen, die mir wich­­tig waren, keinen Verlag gefunden, und mich von et­was anderem ernährt.“

Gertrude wirft das Dossier auf den eichernen Schreibtisch. „Schon wieder so ein Parallelwelt­problem“, sagt sie missmutig. „Das hatten wir neulich erst.“

Ich sehe sie fragend an.

„Jede Alternative im Leben“, doziert sie, „generiert zwei parallele Fortsetzungen desselben. Das wird mit der Zeit unvermeidbar unübersichtlich, und jetzt stimmt wieder die Version hier im Raum nicht mit der im Dossier überein!“

Mir dämmert etwas: Ich bin selber Teil einer alternate history. Und ich als ich, ich meine diese meine Version von mir, ist hier falsch. Ich stemme mich aus dem alten Sessel hoch. „Dann ist es doch das Beste, ich gehe wieder.“

Eine Sekunde scheint es, als gelänge dieser Überraschungsausfall. Aber Gertrude, die resolute, fängt sich sofort. Schüttelt den Kopf. „Verkaufszahlen, Auflagen, Preise, Erfolg oder Erfolg­losigkeit, das ist alles nicht der Punkt.“

„Was dann?“  frage ich verblüfft und plumpse in den Sessel zurück. (Die Frage war ein Fehler, genau dahin will sie mich haben.)

„Das Leben“, entgegnet sie, nimmt die Lesebrille ab und dreht den Kopf, damit sie zum Fenster hinausschauen kann. „Das ganze Leben. Als Möglichkeit.“

Sie blickt in die einsetzende Abenddämmerung, als sei ich nicht mehr da oder nicht mehr wichtig. Es dauert ein wenig, bis sie sich mir wieder zuwendet. Dann sagt sie scheinbar zusammenhanglos: „Es ist eine wohlbekannte Tatsache, dass kein Mensch es wirklich ertragen kann nicht imstande zu sein jemandem etwas zu erzählen.“

Jetzt werde ich schnippisch, was allerdings – wie ich gleich merken werde – erneut ein Fehler ist: „Ist das Ihre Ansicht oder haben Sie das irgendwo gelesen?“

„Das habe ich irgendwo geschrieben“, gibt Gertrude zurück. „Ich vermute, es ist meine Ansicht.“

Dass auch dieser Punkt an sie geht, würde ich jetzt nicht so gern zugeben. Deshalb ist es wieder einen Augenblick still, bevor sie sich einen Ruck gibt und sagt: „Sehen Sie da drüben, an der Baum­grenze, diese kleinen verdreht wachsenden Bäumchen?“

Ich nicke.

„Das sind botanisch eindeutig Kiefern, auch wenn sie sich von den Riesen­bäu­men unten in den Tälern stark unterscheiden.“

„Latschenkiefern“, sage ich. Meine bescheidenen botanischen Kenntnisse stam­men in diesem Fall aus der Fernsehwerbung meiner Kindheit.

„Richtig. Es kann ja nicht jeder so eine Thomas-Mann-hafte Riesenfichte wer­den, oder? Die meisten Schriftsteller auf der Welt haben wenig Erfolg und fast keine Einnahmen. Das hemmt vielleicht ihr Wachstum, aber es macht sie nicht zu etwas anderem.“

Mit gerunzelter Stirn schaue ich zu dem schütter bewachsenen Berghang hinüber. Von dieser Seite habe ich die Sache nie betrachtet, so von der literarischen Baumgrenze aus.

„Heißt das, dass ich die meisten anderen hier im …“ Irgendwie gefällt mir das Wort Heim nicht, und ich setze nochmals an: „... auf den oberen Etagen gar nicht kennen würde?“

„Das könnte es heißen. Sie müssen allerdings bedenken, dass wir nicht alle ver­storbenen Schriftsteller aufnehmen.“

„Sondern?“

„Natürlich nur die, die eine Therapie brauchen. Und darunter sind sehr wohl gro­ße Namen.“

„Therapie?“ Ich weiß nicht, ob ich das witzig finde oder geschmacklos. „Tote kann man doch nicht mehr therapieren.“

Sie seufzt auf eine Weise, die deutlich macht, dass sie solchen Unsinn hier öfter hört. „Körperlich natürlich nicht. Aber in Fällen, wo Zweifel an­gebracht sind, ob einer wirklich in Ruhe tot sein kann, besteht Hand­lungs­be­darf.“

„Wieso sollte er nicht, es bleibt ihm doch nichts anderes übrig!“

Sie schüttelt den Kopf. „Nehmen wir zwei Beispiele“, sagt sie dann etwas leh­rer­innenhaft. „Der eine hat mit seinen Büchern in immer neuen Auflagen und zahl­losen Übersetzungen zu Lebzeiten Unmengen Geld verdient, jedes Kind kennt ihn, und doch ist er jetzt bei uns. Er findet keine Ruhe. Einer unserer Lang­zeitpatienten, Zimmer 526.“

„Was heißt Langzeit?“ Ich frage mich allmählich, ob ich diese eigenartige Einla­dung nicht besser von vornherein ausgeschlagen hätte.

„Schon vor dreißig Jahren hat er die Hundertjahrmarke gerissen“, erwidert sie. „Eine seltene Leistung.“

Ich sage lieber nichts.

„Ein anderer“, fährt sie unbarmherzig fort, „hat zu Lebzeiten ganz wenig publi­zieren können und gegen Ende seines kurzen Lebens mit dem Pfennig rechnen müssen, und das auch noch mitten in der Inflation. Das meiste, was er geschrieben hatte, wurde nicht gedruckt.“

„Aber es war ein Schriftstellerleben“, werfe ich ein. Man will ja nicht unbe­lehrbar erscheinen. Sie nickt. „Wir wollten ihn eigentlich nur ein paar Jahre behalten, er hatte eine gute Prognose und war dabei seinen Frieden mit sich zu machen. Aber dann hat irgendein dummer Neuzugang ihm erzählt, dass inzwi­schen alles, was er je ge­schrie­ben hat, auf dem Markt ist, übersetzt in alle Welt, und dass man sogar seine un­vollen­deten Manuskripte zu Meisterwerken erklärt hat. Jetzt ist er im­mer noch hier. Zimmer 524.“

„Wie können Sie so jemandem denn helfen?“ murmle ich in ungespielter Rat­losigkeit.

„Die Therapie“, erklärt sie in einem hörbar offizielleren Ton, „ist erfolgreich, wenn die Patienten erkannt haben, dass es gleichgültig ist, ob sie Leser gefunden haben oder wie viele. Und natürlich, wenn sie sich danach verhalten. Erst dann können wir Sie entlassen.“

Es fällt mir auf, dass ich nicht entscheiden kann, ob sie jetzt gerade Sie oder sie gesagt hat.

„Wie verhalten sich denn Patienten hier?“ frage ich.

„Das werden Sie schon sehen,“ erwidert sie und steht auf. „Ich heiße Sie nochmals willkommen hier bei uns und wünsche Ihnen eine gute Entwick­lung. Sie können jetzt zunächst Ihr Zimmer beziehen und sich umsehen, nur wie gesagt: Vorsicht mit den Lebenden. Sie sind untergebracht …“ Sie stockt, weil sie nach einem Zettel in dem Pappordner suchen muss, und fährt fort, als sie ablesen kann: „5. Stock, Zimmer 25. Schlüssel gibt es hier nicht.“

„525?“ frage ich überrascht. Sie sieht mich scharf an. „Ja, natürlich.“

„So ein Zufall. Da werde ich die beiden ja gleich kennenlernen.“ Dem kann ich nun doch nicht widerstehen. Ich sagte ja: Jetzt hat sie mich.

Nun stemme ich mich wirklich aus dem Sessel und gehe zur Tür.

„Junger Mann?“ ruft sie mir nach. „Ich will zwar der Therapie jetzt nicht vorgreifen, aber für das Wort Zufall haben wir hier keine Verwendung.“

Ich gehe wortlos hinaus, steige einen Stock tiefer und bin froh, dass unsereiner sich nicht mehr mit Gepäck ab­schlep­pen muss. Dann stehe ich vor einer Doppelschwingtür, die offenbar die Zugluft aus dem Treppenhaus vom Flur abhalten soll. Durch die Milchglasscheiben kann ich erkennen, dass er lang ist und nur vom Ende her Licht erhält.

Gerade, als ich einen der Türflügel aufdrücken will, verdunkelt sich die Aussicht, weil etwa dreißig Meter voraus zwei Türen geöffnet werden. In perfekter Synchronie, als gälte es eine Brandschutzübung. Dann sehe ich zwei verschwommene Figuren sich allmählich vergrößern. Die eine ist sehr groß und schmal, die andere klein und etwas breiter. Es hallt zwar ein wenig in dem hohen Flur und die Schwingtüren sind eine Barriere, aber trotzdem kann ich die Stimmen verstehen.

„Das ist schön, Franz“, sagt die eine herzlich, „dass du auf mich gewartet hast.“

„Ach, Karl“, erwidert die andere. „Ich warte wie ein Rind, das solltest du doch inzwischen wissen.“

„Was ich dich fragen wollte“, sagt die erste eifrig, „glaubst du eigentlich auch an die Vorsehung?“

Die andere – sie gehört dem Langen, der stehenzubleiben und den Kleineren von oben herab anzuschauen scheint – antwortet: „Nicht wirklich.“

„Also für mich“, erklärt der Kleine, „gibt es keinen Zufall. Alles, was geschieht, hat einen höheren Sinn.“

„Ich weiß nicht recht“, versetzt der Lange etwas missmutig.

Gerade kann ich noch einen Schritt zurücktreten, da kommen die Türflügel auf mich zu. Ich stehe den zwei Männern gegenüber und sehe den Langen traurig auf den Kleinen hinunterlächeln. „Ich war immer wieder überrascht von dem, was meinen Figuren alles zustieß. Entsetzliche Dinge.“

Dabei betrachtet er mich stirnrunzelnd, so als habe er irgend etwas über mich gehört, wisse aber nicht mehr, ob es etwas Gutes gewesen sei. Daneben steht der Kleine und strahlt mich aus wasserblauen Augen an, als sei ich genau der, auf den er all die Zeit gewartet habe. Wo es doch einen Zufall nicht gibt.

Collage: U.A. 2020

 

Literaturhinweise

Abraham, Ulf: Gute Werke. In: Cumart, Nevfel (Hrsg.): Im Winter der Zeit. Literatur aus Franken. Bamberg. edition hübscher, 13-20.

Abraham, Ulf/ Brendel-Perpina, Ina: Literarisches Schreiben im Deutschunterricht. Produktionsorientierte Literaturpädagogik in der Aus- und Weiterbildung. Seelze: Klett/Kallmeyer 2015.

Carstocea, Georges: Uchronias, Alternate  Histories, and Counterfactuals. In: Wolf, Mark J.P.: The Routledge companion to imaginary worlds. London; New York: Routledge 2018, 184-191.

Cornils, Ingo: Utopian, Dystopian and Subversive Strategies in Recent German Alternate History Fictions. In: Schmeink, Lars/Böger, Astrid (Hrsg.): Collision of realities. Establishing research on the fantastic in Europe. Berlin. de Gruyter 2012, 325-340.

Singles, Kathleen: Alternate History. Playing with Contingency and Necessity. Berlin: de Gruyter 2013.

Surkamp, Carola: Possible worlds theory (PWT). In: Ansgar Nünning (Hrsg.), Metzler-Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Stuttgart u. a. 42008, 584 f.

 

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